Ist Rache süß, bitter oder herzhaft?

Gesamtansicht des dunkel gehaltenen Bühnenbildes. Im Vordergrund verteilt sitzende Mitglieder des Chores in Gothic-Kleidung. Weiter hinten der Bühnenaufbau: Im Erdgeschoss eine Theke, an der Mrs. Lovett mit roten Haaren steht. Dahinter der glühende Ofen. Im Obergeschoss der Barbiersalon. Sweeney Todd sitzt im Barbier-Stuhl.

Die Geschichte um die Figur „Sweeney Todd“ ist abstoßend, makaber, verstörend. Aber in gewisser Weise auch faszinierend. Komponist und Texter Stephen Sondheim ist in London 1973 durch Zufall in eine Theatervorstellung von Christopher Bonds gleichnamigem Stück geraten. Offenbar hat ihn der Abend so gepackt, dass er noch am gleichen Abend die Idee hatte, daraus ein Musical zu kreieren. Die Uraufführung seines Stücks, das in Zusammenarbeit mit Hugh Wheeler entstand, fand aber erst sechs Jahre später in New York statt.

In der Broadwayoper taucht man in das Viktorianische Zeitalter in Großbritanniens Hauptstadt ein: Der Barbier der Fleet Street, Sweeney Todd, kehrt nach London zurück. Er saß im australischen Gefängnis fest, nachdem er zu Unrecht von einem gewissen Richter Turpin verurteilt worden war. Bald trifft er auf Mrs. Lovett, die Besitzerin einer schlecht laufenden Pastetenbäckerei. Sie berichtet Sweeney Todd, dass Richter Turpin seine Frau durch sexuelle Übergriffigkeit in den Selbstmord getrieben und Sweeneys Tochter Johanna in seine „Obhut“ genommen habe. Daraufhin beschließt die Hauptperson, Rache zu nehmen. Dabei kann Sweeney Todd auf die Unterstützung von Mrs. Lovett zählen und nimmt über ihrer Bäckerei das Geschäft als Barbier wieder auf. Allerdings bekommen Sweeneys „Kunden“ seine Klinge stärker zu spüren, als es für eine normale Rasur nötig wäre. Im Anschluss an ihre Ermordung werden sie als Füllung für Mrs. Lovetts Pasteten verarbeitet.
Daraus ergibt sich die Ausgangslage für eine absurde, aber mitreißende Geschichte aus Rache, Mord und Kannibalismus, gespickt mit Romanzen und morbidem Humor. Nebenbei bringt die Handlung noch eine ganze Ladung Gesellschafts- bzw. Kapitalismuskritik mit.

Vermutlich wurde der Stoff wegen genau dieser außergewöhnlichen Mischung schon so oft adaptiert: Erstmals erschien der Inhalt bereits in den 1840er Jahren in einem Penny Dreadful. In dieser britischen Horror-Groschenromanreihe handelte Sweeney Todd aber noch nicht aus Rachemotiven, sondern aus Gier. Christopher Bonds Version, die Sondheim so fasziniert hat, setzt viel stärker auf die psychologische Ausgestaltung der Figuren.

Nun widmet sich auch Leipzigs Musikalische Komödie der blutigen Geschichte um Sweeney Todd:
Seit Ende Juni ist das Musical unter der Regie von Cusch Jung und der Dramaturgie von Nele Winter im Haus Dreilinden zu erleben.

Das Publikum ist am Vorstellungsabend trotz reduzierter Personenzahl von Anfang an gut aufgelegt: Während des ersten Aktes belohnt es die einzelnen Lieder mit großzügigem Zwischenapplaus. Dagegen wird es nach der Pause sehr ruhig: Im zweiten Akt verharren die Zuschauenden nahezu totenstill auf den Plätzen, und das obwohl die Stühle – frisch nach der Renovierung der Musikalischen Komödie – noch nicht richtig eingesessen sind.
Nach der Schlussszene erwacht das Publikum aber wieder aus seinem Schweigen und spendet einen so anhaltenden Applaus, dass das Ensemble überrascht scheint.
Deutlicher könnte das Zeichen für die einnehmende Kraft von Cusch Jungs Inszenierung wohl kaum sein.

Dass man die Geschichte wie gebannt mitverfolgt, ist sicherlich auch der starken Besetzung zu verdanken.
In der Hauptrolle weiß Vikrant Subramanian es, die Ambivalenz Sweeney Todds auszuschöpfen. So singt er mit warmen Timbre von seiner Tochter Johanna, während er seinen Klienten die Kehle durchschneidet. Oder er trällert und pfeift im Plauderton von „Hübschen Frauen“, bevor er endlich sein größtes Feindbild umbringen kann. Beginnt man dann gerade, mit Sweeney Todd zu sympathisieren, präsentiert Vikrant Subramanian die Besessenheit des Barbiers und schmetternd schneidend seine Rachegelüste.
An seiner Seite hat er Sabine Töpfer, die ihm in der Rolle der abgebrühten Mrs. Lovett zur Hand geht. Sie setzt ironische Pointen gelungen und unterlegt sie mit der passenden Stimmfarbe. Ihr gelingt es als Pastenbäckerin glaubwürdig, Sweeney Todd geschäftstüchtig auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. Dennoch bringt sie auch den weichen Kern der Figur zur Geltung.
Katia Bischoff und Justus Seeger sorgen als Johanna und Anthony durch eine klare Stimmgebung für schmelzend jugendlich gestaltete Liebesballaden. Somit geben sie dem Publikum flüchtige, aber sehr schöne Auszeiten vom sonst so schaurigen Geschehen.
Richter Turpin empfindet man dank Michael Raschles brillanter Darbietung geradezu als abstoßend.
Ebenso überzeugend gestaltet Julia Lißel die Darbietung der vor allem sängerisch anspruchsvollen Rolle der Bettlerin.
Besonderer Jubel gilt an dem Abend zudem Tom Schimon, der für die Partie des Tobias kurzfristig eingesprungen ist und besonders schauspielerisch eine grandiose Darbietung hinlegt.
Allerdings bewähren sich auch Jeffrey Krueger, Andreas Rainer, Roland Otto und Holger Mauersberger auf ganzer Linie in der Verkörperung der Nebenrollen.

So stark das gesamte Ensemble sängerisch ist, lässt die Akustik aber ein paar Wünsche offen: Gesangspartien in den höheren Lagen klingen doch oft etwas blechern bzw. hallend. Vielleicht ist die unglückliche Abmischung aber auch den wenigen Zuschauenden im Saal geschuldet.

Das detailverliebte Kostümdesign von Karin Franz kann man zwischen Steampunk und Gothic verorten. Im starken Kontrast erscheinen dazu Anthonys Matrosenuniform und Johannas Kleid, die die jugendliche Unschuld der Figuren unterstreichen.
Das ebenfalls von Karin Franz entworfene aufwendige Bühnenbild basiert auf einem drehbaren Bühnenbau. Dadurch wird der Wechsel zwischen Barbiersalon mit Pastetenbäckerei und Johannas Gefängnis im Haus des Richters ermöglicht. Die Lichtgestaltung ist bis auf einige Ausnahmen düster gehalten und entspricht ganz dem dunklen Schauplatz und Geschehen des Musicals. Mit Neon-Licht strahlt dazu kontrastierend das Open-Schild des Barbiersalons, wenn Sweeney Todd an die Arbeit geht.

Aufnahme aus größerer Nähe im Obergeschoss des Bühnenbaus, im Barbiersalon. Links steht Sweeney Todd und hält die Klinge auf Schulterhöhe von sich weg und singt. Rechts sitzt Richter Turpin mit umgelegten weißen Tuch bereit zur Rasur und blickt zu Sweeney Todd. Dahinter eine schwarz geflieste Wand und weiß leuchtende Buchstaben des "Open"-Schriftzuges.
Das Open-Sign leuchtet, Sweeney Todd (Vikrant Subramanian) steht kurz davor, an Richter Turpin (Michael Raschle) Rache zu verüben. Foto: Tom Schulze

In Cusch Jungs Inszenierung spielt das Orchester aus dem Off. Dadurch erhält der Orchestergraben eine zentrale Rolle in der szenischen Gestaltung. Mal geschlossen, mal heruntergefahren illustriert er räumlich die menschlichen Abgründe, die sich mit den Handlungen der Figuren auftun. Gleichzeitig kann so der Chor (Einstudierung: Mathias Drechsler) variabel zur aktuellen Handlungssituation positioniert werden und begleitet das Stück als kommentierende Einheit. Besonders im Gedächtnis bleibt die Verkörperung der Londoner Bevölkerung, etwa im Titel „God, that’s good“. Darin wird in wunderbar disharmonischem Gesang vom ausgezeichneten Geschmack der Pasteten geschwärmt.

Das Orchester unter der musikalischen Leitung von Stefan Klingele mag zwar hinter der Kulisse versteckt sein, kann aber im größtenteils durchkomponierten Stück zeigen, was es kann. Komponist Stephen Sondheim ist bekannt für die Akribie, mit der er seine Musik auf die Figuren abstimmt. Dementsprechend gibt es im Stück unzählige Themen, die in abgewandelter Form immer wieder auftreten und raffiniert miteinander verwoben werden. Die musikalische Gestaltung durch das Orchester trägt besonders im zweiten Akt zur Intensität gruselig-schräger Handlungsmomente bei.

Trotz der vielen humorvollen Stellen wird man von dem Theaterstück durchgerüttelt. Es stellt sich die Frage, warum man bei Nachrichtenmeldungen über die reale Welt oft so abgestumpft reagiert, während man bei absurder Fiktion die Luft anhält. Womöglich liegt es daran, dass es im Theater schwieriger ist, sich der Problematik zu entziehen. Das bringt Potenziale zur szenischen Verhandlung von kritischen, verdrängten gesellschaftlichen Themen mit sich. Im Falle von „Sweeney Todd“ ist das das Ausmaß der Folgen einer kapitalistischen Gesellschaft für ärmere Teile der Bevölkerung. Im Stück wird sehr eindrücklich durchgespielt, zu welchen Handlungen menschliche Besessenheit führen kann.
Gleichzeitig birgt diese Demonstration für manche Zuschauende unter Umständen aber auch psychische Belastungen. Natürlich wird „Sweeney Todd“ auf der Webseite der Musikalischen Komödie als „Horror-Musical“ ausgewiesen. Und natürlich ist das Stück vielfach ausgezeichnet, bekannt, beliebt, großartig komponiert und getextet und wird in Leipzig in einer Inszenierung von hoher Qualität dargeboten. Trotzdem: Würde sich nicht eine Debatte darum lohnen, ob eine Triggerwarnung angesichts der (u.a. sexualisierten) Gewalt angemessen wäre?

Rezensierte Vorstellung: 29.06.2021

mehr Infos zum Stück und Karten gibt es auf der Seite der Musikalischen Komödie.

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