gehen, gegangen, vorbeigegangen

Die Dresdner Hauptstraße. Links sind Laubbäume mit orange-goldenen Blättern. In der Mitte mehrere Silhouetten von Menschen, die sich im Gegenlicht auf der mit Gewehgplatten ausgelegten Fußgängerzone fortbewegen. Rechts Fassaden in Rot- und Orangetönen.

Brauchst du Tipps, um unterzutauchen? Willst du dich durch Dresden bewegen, ohne gesehen zu werden? Dann dürfte „How to disappear completely“ doch nach dem Titel einer erfolgversprechenden Anleitung für dein Unterfangen klingen.
Allerdings handelt es sich dabei um keinen Leitfaden, den man mal eben in den geschützten eigenen vier Wänden lesen kann. Stattdessen ist es ein im November 2020 vom Kollektiv MeetLab (Ambrus Ivanyos, Bálint Tóth) in Zusammenarbeit mit Dresdner Co-Autor:innen (Kilian Bühling, Caroline Heinz, Mirjam Hoff, Matthias Kern, Andrea Künemund, Till Seigfried, Melissa Stock, Jenny Traumann) entwickelter Audiowalk auf den Straßen Dresdens, der vom Staatsschauspiel Dresden angeboten wird.

Angeleitet wird man dazu von Hauptperson André bzw. dem Erzähler, der bei der deutschen Version von Hans-Werner Leupelt und bei der englischen Variante von Ambrus Ivanyos gesprochen wird. André ist neu in der Stadt, wo alle und alles nach und nach verschwinden. Ausgestattet mit dem eigenen Smartphone und Kopfhörern begleitet man ihn auf der Spurensuche, um dem Rätsel des Verschwindens auf den Grund zu gehen. Diese Recherche erstreckt sich über 50 Wegpunkte zwischen Augustusbrücke und Alaunpark. Aber keine Sorge: Der Audiowalk ist so konzipiert, dass man auch eine vollständige Geschichte erhält, wenn man nur die Stationen 1, 2 und 50 besucht. Es ist möglich, die Tour jederzeit zu beginnen, sie zu unterbrechen und sie nach Belieben fortzuführen. Man kann das Theatererlebnis also sehr gut auf die eigene Motivation, Kräfte- und Zeitkapazität, bzw. den Handy-Akku abstimmen. Gerade letzteres kann durchaus ein begrenzender Faktor sein, da die App über die Standorterkennung des Smartphones läuft, damit an den jeweiligen Wegpunkten die zugehörigen Tonspuren automatisch abgespielt werden können.

An den einzelnen Stationen werden immer wieder bestimmte örtliche Gegebenheiten einbezogen und Personen, Tiere, Gegenstände und Bauwerke vorgestellt, die (nicht) verschwinden.
Oft überlappen sich Erzähltes und Gesehenes so stark, dass man sonst alltäglich erscheinende Geschehnisse durch die Brille der Erzählung wahrnimmt. Die Grenze zwischen Realität und Fiktion verschwimmt immer wieder.
Besonders eindrücklich gestaltet sich dies, wenn andere Menschen einbezogen werden.
Man fragt sich: Woher kommt diese Person gerade? Wann und wohin wird sie wohl verschwinden? Mitmenschen werden zufällig zu Performer:innen, ohne sich dessen bewusst zu sein. Ist das moralisch vertretbar? Oder sind wir im Alltag nicht sowieso immer dazu gezwungen, Theater zu spielen?

Durch das Hinweisen auf bestimmte Personen, die man im Alltag einfach als „andere Leute“ oder
„Passanten“ einordnen würde, wird man zudem darauf gestoßen, wie selektiv unsere Wahrnehmung, aber auch unser Gedächtnis ist und wie leicht uns dadurch bestimmte Details entgehen.
Dies gilt auch für Gegenstände und die Architektur, die uns umgibt. Der Audiowalk demonstriert, dass Raum aus vielen verschiedenen kleinteiligen menschlichen Handlungen hervorgeht. Besonders in einer größeren Stadt wie Dresden kann das schnell aus dem Blick geraten. Im Alltag hinterfragt man bestimmte Phänomene und Vorgänge nicht, sondern nimmt sie als natürlich gegeben hin. Mitunter liefert der Erzähler der Geschichte Erklärungsansätze für verschiedene wunderliche Gegebenheiten in „unserer“ Stadt, belässt es aber meist bei Spekulationen. Dadurch denkt man auch beim Heimweg noch darüber nach, wie dieser oder jener Gegenstand wohl an seinen Platz gekommen ist. Ebenso drängt sich die Frage auf, warum man ihn nicht schon viel eher bemerkt hat.

Folglich erhält der Audiowalk einen großen Unterhaltungsfaktor. Das Nicht-Wissen über bestimmte Vorgänge in Dresden wird so gekonnt vorgeführt, dass dieser Ort in manchen Momenten plötzlich fremd erscheint. Gleichzeitig fühlt man sich dadurch, als würde man gerade die großen Geheimnisse der Stadt lüften, während andere Menschen mit Tunnelblick zur nächsten Erledigung eilen.
Verstärkt wird dieser Eindruck durch die Einzigartigkeit des Gesehenen. Man wird zum Teil einer Vorstellung, die keine Proben oder Wiederholungen kennt.
Und genau das ist das Faszinierende am Audiowalk: Im Gegensatz zu anderen Theaterformen präsentiert er kein Ergebnis, sondern ist prozessual. Gleichzeitig regt der Parcours die eigene Fantasie an, die sich – teilweise auch zwischen den einzelnen Wegepunkten – verselbstständigt. Ebenso kann man Einfluss auf das Geschehen nehmen und sich dem Gegenstand oder Ereignis aus unterschiedlichen Perspektiven nähern.
Bei „How to disappear completely“ sind wir nicht nur Zuschauende oder Zuhörende, sondern werden zu Co-Autor:innen, die das Wahrgenommene Kraft ihrer Vorstellung zu Theater werden lassen.

Aus dem Parcours muss man sich letztlich selbst die Schlüsse ziehen, wie das Verschwinden am besten gelingen kann. Natürlich bedarf es ein paar mehr Überlegungen als beim Lesen einer geradlinigen, listenartigen Anleitung. Mit Sicherheit ist der Stadtparcours aber die wesentlich unterhaltsamere Variante, sich dem Thema zu nähern. Und ein grundlegender Tipp zum Untertauchen liegt ja auf der Hand: Es wäre wahrscheinlich förderlich, sich nicht gerade von André bzw. seinen Zuhörenden erwischen zu lassen.
Bestimmt kann der Audiowalk aber auch Leuten Inspiration liefern, die sich nach dem Gegenteil sehnen: Eben nicht vollständig zu verschwinden.

In diesem Video gibt der Regisseur Ambrus Ivanyos eine kleine Einführung in „How to disappear completely“

Den Audiowalk kann man noch bis zum 21. 07. durchführen. Mehr Informationen dazu gibt es auf der Seite vom Staatsschauspiel Dresden.

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