Was Filmwelten gegen Gefängniswände ausrichten können

Kaum eine Preisverleihung ist so symbolträchtig und in den internationalen Medien präsent wie die der Oscars. Seit mehr als 90 Jahren finden die Academy Awards inzwischen statt. Gleichzeitig repräsentieren die Auszeichnungen das soziale Klima und dessen Veränderung auf ganz besondere Art. Nicht selten kommt es danach zu gesellschaftlichen Debatten, die über die eigentliche Preisverleihung noch viel weiter hinaus gehen. Dazu gehört z.B. auch der 1986 an Wiliam Hurt verliehene Oscar für seine Rolle des Molina im „Kuss der Spinnenfrau“. Noch nie zuvor wurde ein Schauspieler mit einem solchen Award für die Rolle eines Homosexuellen ausgezeichnet.

Der Film basiert auf Manuel Puigs internationalen Bestseller „El beso de la mujer araña“. Für die Fertigstellung seines Romans musste der argentinische Autor wegen der eigenen Homosexualität aus seinem Heimatland nach Mexiko fliehen. Zudem setzt er mit dem Werk ein klares Statement gegen die Militärdiktatur der 1970er in Argentinien.

Der Komponist John Kander und der Texter Fred Ebb sahen in dem Buch einen geeigneten Stoff für ein Musical. Die beiden sind in der Musicalszene als Dreamteam besonders für ihre Stücke „Chicago“, „Cabaret“ und ihren Musikfilm „New York, New York“ bekannt. Auch mit dem 1992 uraufgeführten „Kuss der Spinnenfrau“ haben sie am Londonder West End und ein Jahr später am Broadway große Erfolge gefeiert: Sieben Tony-Awards wurden dafür verliehen.
In Leipzig widmet sich der Chefregisseur der Musikalischen Komödie Cusch Jung dem Musical nun in einer Inszenierung, die am ersten Februar Premiere feierte.

Im Zentrum der Handlung steht Molina (Gaines Hall), ein homosexueller Schaufensterdekorateur, der wegen Verführung Minderjähriger im argentinischen Gefängnis zu Zeiten der Diktatur inhaftiert ist. In ihm kann man einige Ähnlichkeiten zu Manuel Puig finden. Genauso wie den Romanautoren beeindruckt auch ihn die Filmwelt schon seit seiner Kindheit. Während der Haft und deren Gewalt wird dieses Phantasieuniversum ein besonders bedeutendes Refugium für Molina. Ganz besonders fasziniert ihn in dieser Welt die Hollywood-Filmdiva Aurora (Anke Fiedler), die durch eine starke Ambivalenz geprägt ist: In den meisten Rollen erweckt sie Hoffnung und Freiheit. Bei der Darstellung der Spinnenfrau verkörpert sie hingegen den Tod. Jeder, den sie küsst, stirbt. In Aurora trifft Leidenschaft auf Lebensgefahr.

Molinas Zellengenosse Valentin (Friedrich Rau) ist ein marxistischer Revoluzzer und hält zunächst wenig von Molinas Weltanschauung und Überlebensstrategie. Er gibt sich trotz brutalster Verhörmethoden kämpferisch. Dazu gehören Demütigungen, Kollektivstrafen, ebenso wie Bastonade-Folter und Nahrungsentzug bzw. -vergiftung, um die Gefangenen auf der Krankenstation durch Morphium zum Reden zu bringen.

„Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ betet einer der Inhaftierten für die Wärter, als ein anderer Gefangener leblos zu Boden sackt. (Foto: Kirsten Nijhof)

Für die Qualität der Inszenierung spricht, dass sie völlig ohne große technische Effekte auskommt. Frank Schmutzlers Bühnenbild basiert auf zwei drehbaren Gefängniszellenteilen, die Funktionalität und Wandelbarkeit miteinander vereinen. Zu den Auftritten von Aurora können die beiden Elemente auseinander geschoben werden und öffnen den Blick auf eine Showtreppe. In diesen Szenen wird das Gefängnis durch die Macht von Molinas Phantasie geradezu auseinandergebrochen. Die Kraft der Gedanken wird durch diesen Kniff auf besonders beeindruckende Weise thematisiert. Der Einbezug der Galerie sorgt für eine zweite Ebene und ermöglicht so die Betonung des Gefälles zwischen Wärtern und Gefangenen.

Auch wenn das Potenzial der Interimsspielstätte gut ausgenutzt wird, muss man sich an den Hallencharakter und die damit verbundene Akustik zunächst gewöhnen. Insgesamt hat der von Christoph-Johannes Eichhorn dirigierte Abend musikalisch aber Einiges zu bieten.
In vielen Szenen laden lateinamerikanische Tänze von Mambo und Rumba über Samba bis Tango mit zahlreichen Percussioneinlagen so manche Zuschauende zum Mitzappeln ein.
An anderen Stellen kann man sich in filmmusikartigen Nummern und Musicalballaden verlieren. – In Anbetracht der Handlung ist das manchmal sogar skurril.
Danach wird man dafür umso abrupter von der Brutalität des Gefängnisalltags eingeholt. Das musikalische Motiv der Verhöre erinnert in seiner Bedrohlichkeit zuweilen an das des Kinoschlagers „Der Weiße Hai“. Teilweise scheinen die Töne einer Drehorgel zu entspringen und unterstützen so die Perfidität des Bühnengeschehens.

Der Hauptkonflikt des Stückes entsteht, als Molina erfährt, dass seine Mutter (Angela Mehling) sterbenskrank ist. Der Gefängnisaufseher (Cusch Jung) macht ihm ein Angebot: Wenn er Valentin ausspioniere, könne er vorzeitig aus seiner sonst noch fünf Jahre dauernden Haft entlassen werden. Allerdings hat sich Molina bereits in seinen Zellengenossen verliebt und auch Valentin baut die Distanz langsam ab.
Im zweiten, dramaturgisch stärkeren Akt entsteht eine immer enger werdende Freundschaft zwischen den beiden Männern. Friedrich Rau entwickelt schauspielerisch wie auch sängerisch glaubwürdig die Facetten vom harten gebrochenen Revolutionär zum interessierten Zuhörer für Molinas Geschichten über Aurora. Gaines Hall setzt diverse Pointen sehr geschickt und überzeugt als sensibler, liebevoller Beschützer. Beide ziehen das Publikum in diversen Belting-Parts in ihren Bann und wurden von der Musikalischen Komödie als Gäste ans Haus geholt. Gleichermaßen trägt auch Anke Fiedler ihren Teil zum sehr starken Dreiergespann der Hauptrollen bei. In Melissa Kings Choreografien hält sie mit dem Ballettensemble mühelos mit und kombiniert die Cucaracha gekonnt mit ihrer kräftigen Stimme.


Trotz dieser starken Auftritte von Auroa hat Molina immer mehr Mühe, die Informationen über Valentin vor den Wächtern zurückzuhalten. Zum Schein geht er schließlich auf das Angebot der Wächter ein. Die letzte Nacht vor seiner Entlassung verbringen Valentin und er zusammen.
In der neu erlangten Freiheit hält Molina sein Versprechen ein und übermittelt Valentins Geliebter Marta (Nora Lentner) eine Nachricht, wird dabei allerdings beobachtet und erneut inhaftiert. Schließlich setzt er zu einem letzten Tanz mit der Spinnenfrau an und kann sich ihrem befreienden Kuss nicht mehr entziehen.

Foto: Kirsten Nijhof

Gerade diese Dramatik und die für Musicals scheinbar ungewöhnliche Handlung sorgen für einen sehr gelungenen Abend. Es werden Fragen nach Liebe, Aufopferung, Rebellion, dem Leben in Diktaturen und Freiheit aufgeworfen.
Leider haben auch die Demütigung Homosexueller und Folter immer noch große Aktualität. Sie verdienen es und haben es dringend nötig, diskutiert zu werden. Cusch Jungs Inszenierung zeigt: Amnesty International allein kann wenig ausrichten. Es sind die Menschen und deren Anschauungen, die sich ändern müssen.

Karten gibt es unter: https://www.oper-leipzig.de/de/programm/kuss-der-spinnenfrau/81645

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