Oma erzählt: Die Dresdner Theaterszene ihrer Jugend

„Dresden wird bald wieder eine florierende Kulturlandschaft haben.“ – Hätte man dies vor 75 Jahren den Überlebenden des Bombenangriffs prophezeit, hätten daran wohl nur die Wenigsten geglaubt. Umso beachtlicher ist es dafür, dass die ersten Theatervorstellungen schon nach ein paar Monaten wieder stattfanden.
Auch für meine 1936 geborene Oma war ein Wiederaufbau ihrer Heimatstadt in diesem Ausmaß angesichts der damaligen Trümmerwüste ziemlich undenkbar.
Heute ist sie von dieser Verwandlung deshalb immer noch sichtlich beeindruckt, wenn sie mir bei Kakao, Kaffee und Kuchen darüber erzählt.

Es gibt kaum jemanden, der so viele Theaterrezensionen für mich ausschneidet oder mit mir so ausführlich über die zuletzt gesehenen Vorstellungen plaudert, wie du. Aber kannst du dich noch an das erste von dir besuchte Theaterstück erinnern?

Ja, mit neunzehn oder zwanzig Jahren hatte ich meinen ersten Theaterbesuch mit einer Freundin im Großen Haus. Da haben wir uns Rigoletto von Verdi angeschaut. Ich glaube, wir haben die Karten geschenkt bekommen. Das war meine erste Oper, die ich gesehen habe. Es gab damals schließlich noch keine Semperoper, die war ja noch kaputt.
Ob das jetzt allerdings mein erster Theaterbesuch überhaupt war, weiß ich nicht mehr. Es kann sein, dass ich vorher auch schon in der Operette in Leuben war.

Woran ich mich aber auch gut erinnern kann, ist unser erster Besuch in der Semperoper. Da hatten wir Karten für die zweite Reihe. Die Eröffnung 1985 war ja eine Sensation. Kein Mensch hätte gedacht, dass die je wieder aufgebaut wird. Da haben wir auch noch erlebt, dass die Vorhänge nicht richtig aufgingen. Das klappte eben noch nicht so hundertprozentig. Ich glaube, zweimal ist es uns passiert, dass zwanzig Minuten dann eben gar nichts ging. Aber wir sind oft schon eine Stunde vorher gekommen, denn du hattest ja erstmal schon zu tun, dir alles anzuschauen!

Hattest du denn ein Lieblingstheater?

Da fand ich schon das Schauspielhaus am besten. Dort wurde alles gespielt, Oper und Theater. Das meiste Andere war zerstört. Es gab eigentlich nur das Große und das Kleine Haus und die Operette, die ja mal ein Gasthof und Tanzsaal war. Das war alles nur ein Provisorium.

Genauso war das Kurhaus Bühlau einer der Säle, die nicht kaputt waren. Dort fanden zum Beispiel oft Liederabende statt und auch Sänger wie Vico Torriani sind in den ersten Jahren als Gäste aufgetreten.

Opa ergänzt: Und das Kurhaus Bühlau war auch einer der Säle, die teilbeheizbar waren. Die, die ein Brikett mitbrachten, bekamen eher Karten.

Wie seid ihr outfittechnisch unterwegs gewesen?

Für diese Anlässe haben wir uns immer sehr fein angezogen: Schöne Kleider und dazu Petticoat und Absatzschuhe, die wir im Schuhbeutel mitgenommen haben. Zu dieser Zeit wäre ich nie in Hosen ins Theater gegangen.

Was hat es mit dem Schuhbeutel auf sich?

Schade, ich habe gar keinen mehr. Das waren solche schmalen Taschen mit Henkel, eben genau in der Größe, dass zwei Schuhe nebeneinander hineingepasst haben. Ich würde sagen, die waren aus Kunstleder. Da war viel Weichmacher drin, dadurch war das so ein bisschen gummiartig. Mein Schuhbeutel war jedenfalls grau, aber den gab es in allen Farben.

Auf dem Weg zum Theater waren die Absatzschuhe im Beutel. An der Garderobe hat man dort dann die Straßenschuhe reingesteckt und an der Garderobe abgegeben. Die Theaterschuhe hatten ja Pfennigabsätze. Und da ist man auch ein bisschen rumgestakst. So gut konnte man als junges Mädel darin schließlich gar nicht laufen.
Und außerdem wollte man natürlich die Absätze schonen. Die Straßen waren damals nicht im gleichen Zustand wie heute. Wenn man da in so eine Lücke im Pflaster oder in die Zwischenräume der Holzbohlen vom Blauen Wunder reingerutscht ist, waren die Absätze hinten schnell lädiert. Die Schuhe waren auch ziemlich teuer und überhaupt welche zu bekommen, war schon schwer genug.

Man beachte den Fußweg im Hintergrund.

Insofern ist es doch praktisch, dass die Kleiderordnung heute entspannter ist. Oder findest du es eher schade, dass man sich nicht mehr so schick macht?

Ja, ein bisschen schade ist es schon. Ein Theaterbesuch war für uns immer ein Höhepunkt und etwas festliches. Absatzschuhe waren und sind natürlich wesentlich eleganter als solche Sportschuhe, die inzwischen ja die meisten anziehen. Gut, besser laufen kann man in den bequemeren Schuhen. Aber damals habe ich das noch auf mich genommen. Man ging nicht in solchen Tretern ins Theater. Vielleicht die, die krank waren oder alte Leute lacht. Auch wenn wir zum Tanzen fortgegangen sind, gingen wir nicht in Turnschuhen, da haben wir uns immer elegant angezogen.

Wie teuer war denn so ein Theaterbesuch für dich?

Wir haben ja nicht viel verdient. Als ich 1954 ausgelernt hatte, habe ich mit 270 Mark im Monat angefangen. Dann wurde das nach und nach gesteigert. Und klar waren dann 8,50 Mark zu DDR-Zeiten schon kein überteuerter Preis, aber immer konnte man sich das auch nicht leisten. So viel haben jedenfalls damals noch Karten für die zweite Reihe in der Semperoper für mich gekostet, weil wir ein ermäßigtes Anrecht für die erste Preisgruppe hatten. Die Karten im freien Verkauf waren sicher teurer. Das Anrecht bekam man durch den Betrieb. Als ich an der TU gearbeitet habe, gab es direkt eine Sachbearbeiterin für den Bereich Kultur. Dort konnte man sich um solche Anrechte bewerben. Und wenn du das einmal hattest, dann hattest du das. Wir hatten von Anfang an ein Anrecht. Die Kollegin holte dann immer die Karten vom Theater und ihr hat man dann das Geld gegeben.

Was jetzt direkt Ende der 50er Jahre eine Theaterkarte für das Schauspielhaus kam, weiß ich nicht mehr. Aber bestimmt noch nicht 8 Mark, ich denke, das war noch preiswerter. Für ungefähr 2,50 Mark saß man vielleicht oben im dritten Rang im Schauspielhaus. Und dann gab es immer noch 5 Pfennig Kulturbeitrag, der auf die Tickets draufgezahlt werden musste.

Wie oft warst du im Theater?

Also im Anrecht hatten wir sechs Vorstellungen im Jahr, wenn nicht sogar noch mehr. Alle zwei Monate könnte also ungefähr hinkommen. Damals gehörten Schauspielhaus und Oper aber noch zusammen. Die Staatsoperette war im Anrecht auch inklusive. Später war dann auch die Herkuleskeule noch dabei.

Gab es damals Schauspieler*innen, die du besonders gern auf der Bühne gesehen hast?

Ach, da hatten wir viele! Hermann Stövesand, Horst Schulze, Antonia Dietrich, Traude Richter, Dietrich Körner, Rolf Hoppe, Gustl Promper und Georg Wörtke.

Damals gab es auch schon tolle Schauspieler und Sänger!

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