Traum oder Wirklichkeit? Theater oder Leben?

Als Christian Grygas alias El Gallo [el ˈgaʎo] zum Beginn von Tom Jones’ und Harvey Schmidts „Die Fantasticks“ die Bühne der Dresdner Staatsoperette betritt, lässt er den Blick schweifen und scheint im Publikumsraum mit jeder Person einzeln in Augenkontakt zu treten. Es ist, als würde die Zeit für einen kurzen Moment stehenbleiben. Plötzlich wird die Anwesenheit der anderen Zuschauenden, die doch eigentlich in gut zwei Metern Entfernung sitzen, intensiv wahrnehmbar. In dieser nonverbalen Begrüßung liegt die Würdigung eines Live-Theatererlebnisses nach langer Zeit, das man mit anderen Menschen teilt, die Würdigung der Kopräsenz.

Diese positive Spannung mündet bald in der Ouvertüre des Stückes. Diese erhält durch die spielfreudig vom Ballettensemble dargebotene Choreografie von Jörn Felix Alt einen besonderen Pep. Auch im weiteren Verlauf der Inszenierung unter der Regie von Kathrin Kondaurow und Dramaturgie von Judith Wiemers sorgt das Ballett für Frische und verkörpert originell El Gallos Entourage.

Dieser ist der Erzähler der Kernhandlung des Off-Broadway-Musicals, das sich um das Liebespaar Matt (Gero Wendorff) und Luisa (Laila Salome Fischer) dreht. Getrennt werden die beiden aber durch die Feindschaft ihrer Väter (Marcus Günzel, Bryan Rothfuss), die sich in einer Mauer zwischen ihren Grundstücken manifestiert. Darum treffen sie sich heimlich. Sie wissen schließlich nicht, dass ihre Väter eigentlich eng befreundet sind und ihre Zwietracht nur vortäuschen. Das Ziel der beiden ist es, ihre Kinder zu verkuppeln – frei nach dem Motto: Kinder tun immer das, was ihnen die Eltern verbieten. Damit ihr Plan aufgeht, engagieren die Väter El Gallo. Er soll einen Raub auf Luisa inszenieren, damit die Familien Frieden schließen und die Liebe „offiziell“ werden kann. Tatsächlich haben die Väter mit dieser Strategie Erfolg und das Publikum wird von El Gallo mit einem Happy End in die Pause entlassen.
Im zweiten Akt findet die harmonische Stimmung ein jähes Ende, als die Väter ihre Machenschaften den Kindern offenbaren. Daraufhin beschließen Luisa und Matt getrennte Wege zu gehen: Matt begibt sich auf Weltreise und ist ganz fasziniert von den vielfältigen Chancen der weiten globalisierten Welt, blendet aber die Risiken und Gefahren aus, mit denen er sich schon bald konfrontiert sieht. Luisa lässt sich auf ein Abenteuer mit El Gallo ein. Er verführt sie, ihm in seine rauschhafte Fantasiewelt zu folgen. Letztlich finden sich Matt und Luisa am Ende ihrer Kräfte wieder, können sich dadurch aber neu verlieben.

Im Verlauf dieses Plots begegnet man zahlreichen Bezügen zu „Klassikern“ der Dramenwelt: Schon den inhaltlichen Bogen kann man als Parodie von „Romeo und Julia“ sehen, es finden sich aber auch Zitate aus „Ein Sommernachtstraum“ und „Hamlet“. Diese Parallelen werden oft mit einem ironischen Augenzwingern versehen, etwa wenn Dietrich Seydlitz als Henry mit einem Texthänger zu kämpfen hat. Dadurch erhält das Musical eine ganz besondere Vielschichtigkeit, die vielleicht aber Theaterliebhaber:innen vorbehalten bleibt.
Ebenso unterhaltsam ist die Demonstration unterschiedlicher Arten des Bühnentodes durch Mortimer, gespielt von Markus Liske. Ganz in der Tradition der fahrenden Komödianten und ihrer commedia all’improviso wird hier aus der Fähigkeit des Theaters geschöpft, ernste Themen – wie in diesem Fall unsere Vergänglichkeit – zu behandeln und sie durch gemeinsames Lachen für einen kurzen Moment erträglicher zu machen.

Gerahmt wird die Kernhandlung zudem durch die Fragestellungen, die sich im Zusammenhang mit El Gallos Position als Erzählerfigur ergeben. So liest man vor Stückbeginn Projektionen mit den Worten „El Gallos Show der Träume“. Dadurch wird frühzeitig offenlegt, dass die Geschichte aus einer einzigen, ganz bestimmten Perspektive erzählt wird. Insofern erhält El Gallo eine große Macht über den Verlauf der Handlung und besitzt entsprechend manipulatives Potenzial, das er auf das Publikum ausüben kann. Dass er diese Fähigkeit auch zur Steuerung der Figuren des Stücks einzusetzen weiß, wird bereits am Anfang im bekannten Song „Denk an die Zeit“ („Time to Remember“) deutlich. Darin heißt es: „Komm folg mir!“ Woraufhin die von ihm geschaffenen Charaktere wie hypnotisiert einstimmen: „Folgen, folgen, folgen, folgen“.

Man kann es diesen Figuren aber kaum verübeln, dass sie sich El Gallos Aufforderung so bereitwillig hingeben. Zum einen wäre da das von Peter Christian Feigel geleitete Ensemble aus Klavier (Eve-Riina Rannik), Kontrabass (Marco Antonio Arriagada Chacón), Schlagzeug (Clemens Amme) und Harfe (Simone Geyer), auf dessen Unterstützung El Gallo den ganzen Abend zählen kann. Zum anderen lädt Christian Grygas’ Darbietung des Liedes eben einfach zum verträumten Zuhören ein. Im weiteren Verlauf des Stückes gelingt es ihm aber auch, der Vielschichtigkeit des Charakters Rechnung zu tragen: Mal sarkastisch kommentierend, mal verführend, mal rau bis gewaltvoll. Er erschafft schillernde Seifenblasen und lässt sie schon bald wieder zerplatzen.
Luisa ist die einzige weibliche Figur in der von Männern dominierten Welt des Stücks. Natürlich fällt sie auf die Pläne ihres Vaters herein und lässt sich schließlich von El Gallo verführen. Dennoch schreckt diese Figur nicht davor zurück, zwischendurch eine kritische Anmerkung zur typischen Rolle von Vätern in Theaterstücken zu machen. Ebenso ist sie es, die sich am Ende Vorwürfe macht, dem geschwächten Matt nicht eher geholfen zu haben. Luisas Entwicklung von der Teenagerin, die ganz klischeehaft Prinzessin sein möchte und sich nach ihrem Prinzen sehnt, zur geerdeten Erwachsenen wird von Laila Salome Fischer sehr einfühlsam dargestellt. Fernab der Frauenrollen oft zugeteilten Naivität versteht sie es, Luisas Unsicherheit, aber auch ihre Abenteuerlust auszudrücken.
Auch Gero Wendorf verkörpert – insbesondere stimmlich – Matts unterschiedliche Facetten von Verliebtheit und Übermut zum abgestürzten, desillusionierten, gebrochenen und dadurch zu mehr Selbsterkenntnis gelangten jungen Erwachsenen nachfühlbar.
Bryan Rothfuss und Marcus Günzel sorgen als zuweilen mit Rollschuhen bestückte beste Buddys mit einer besonderen Affinität zur Pflanzenwelt für Unterhaltung. Ebenso überzeugen sie aber in ernsteren Momenten als fürsorgliche Väter, die sich nach ein wenig Vorhersehbarkeit im Leben sehnen.

Ein Mann mit Latzhose und Brille und ein Mann in Sakko und beiger Jeans sitzen auf einem Baumstamm. Sie lehnen sich zurück und strecken jeweils ein Bein nach oben. An ihren Füßen befinden sich weiße Rollschuhe.
Für ihre Rollen als Väter Bellomy und Hucklebee haben Bryan Rothfuss und Marcus Günzel nicht nur gelernt, sich auf Rollschuhen fortzubewegen, sondern auch damit zu tanzen. (Foto: Pawel Sosnowski)

Das Stück spielt auf dem schnörkellosen Bühnenbild von Esther Dandani und stellt damit dem klischeehaften Musical-Ausstellungsstück etwas entgegen. Die stellvertretende Verwendung eines kahlen Baums für die trennende Mauer stieß bei mir zwar auf etwas Irritation, womöglich soll dieses Element aber die Traum-Atmosphäre des Stückes widerspiegeln. In zwei schwebenden Guckkästen können Luisa und Matt getrennt voneinander agieren, und sich durch von Vincent Stefan kreierte Videoprojektionen doch ganz nah sein. Gleichzeitig entstehen durch die Kameratechnik zum Teil interessante Kaleidoskop-Effekte.
„Die Fantasticks“ wird in der Inszenierung von Kathrin Kondaurow zur Liebeserklärung ans Theater. Gleichzeitig spielt das Musical mit der Theatralität unseres alltäglichen Lebens und führt uns unsere Sehnsucht nach den Dingen vor, die wir nicht haben können. Wie oft vergessen wir, wie kostbar die Gegenstände und vor allem die Menschen sind, die uns wie selbstverständlich umgeben?

Karten und mehr Infos gibt es auf der Seite der Staatsoperette. Außerdem finden sich dort verschiedene Hörbeispiele und das Programmheft im pdf-Format zum Download.

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