Hamstert Gutscheine!

Große Pianist*innen, die virtuose Wohnzimmerdarbietungen geben; Sänger*innen, die selbstbegleitete Wunschkonzerte veranstalten; DJ’*anes, die die passende Musik für die Homeparty (mit der Kernfamilie) liefern; Theaterhäuser, die Inszenierungen online kostenlos zur Verfügung stellen; Museen, die virtuelle Rundgänge anbieten – die Vielfalt der Online-Kulturangebote zu Zeiten von Corona ist groß. Abgesehen von ihrem Unterhaltungswert und angesichts der recht zögerlichen Unterstützung von Seiten der Politik sind diese Live-Streams auch unglaublich wichtig. Sie verschaffen der Kulturbranche mehr Beachtung in dieser Krisenzeit und führen zu diversen Spendenaktionen, um die Existenz der Kulturschaffenden zu sichern.
Allerdings kommt dabei die Frage auf, wie Kulturbetriebe mit der Situation umgehen, bei denen sich die Eigenproduktion von Streamings eher kompliziert gestaltet.
Vor diesem Problem steht auch der Leiter des Dresdner Programmkinos Ost, Sven Weser.
,,Wir haben die Situation die ersten vier Wochen ganz gut überbrücken können und schaffen das vielleicht auch noch mal vier Wochen, aber eben nicht drei bis vier Monate.“, lautet seine Zwischenbilanz. Dass das Kino bisher so gut durchgehalten hat, habe es auch der Unterstützung der Besucher*innen zu verdanken, die weit mehr Gutscheine kaufen, als es der Kinobetreiber zunächst erwartet hätte. Möchte man dem Kino helfen, sei dies die beste Option, um nachhaltig Einnahmen zu generieren, erklärt er. Dazu kann man sich per Mail an das Programmkino Ost wenden und die gewünschten Gutscheine ordern, die per Post zugeschickt werden.

Vom Sächsischen Freistaat gab es für die Kulturbranche hingegen bisher nur wenig Entgegenkommen. Sven Weser schildert, dass das Ost aktuell keinerlei Zugriff auf Corona-Zuschüsse habe, da es mit mehr als zehn Vollzeitmitarbeitern zu groß sei. Er kritisiert, dass Sachsen zu den wenigen Bundesländern zählt, deren Bedingungen für Fördermittel so rigide gehalten werden: ,,Hier fallen die Kinos ab einer gewissen Größenordnung hinten runter. Wir könnten zwar in einem anderen Programm einen Kredit beantragen, aber den muss man ja auch wieder zurückzahlen. Von daher ist das nur begrenzt hilfreich.“ Aus diesem Grund hat er sich bereits an die sächsische Staatsregierung gewendet und hofft, endlich gehört zu werden.

Bis dahin ist das Programmkino weiterhin auf sein Publikum und verschiedene Hilfskampagnen und Kooperationspartner angewiesen.
Dazu gehört beispielsweise die Initiative: ,,Werbung schauen. Hilf deinem Kino“, auf deren Website man das entsprechende Kino auswählen, Werbespots schauen und finanziell unterstützen kann. Sven Weser vermutet jedoch, dass sich die darüber erzielten Erträge in Grenzen halten werden, 50-100€ schätzt er. ,,Es hilft aber trotzdem auch ein bisschen“, fügt er hinzu.
Eine andere Möglichkeit ist es, Kinos über das Streamen von aktuellen Filmen zu unterstützen. So kann man gerade die am 5. März gestarteten Känguru-Chroniken zum Soli-Preis von rund 17€ schauen und spendet gleichzeitig 15% davon an einen Kino-Hilfsfond. Dabei bleibe jedoch unklar, welcher Betrieb unter welchen Bedingungen auf diesen Topf Zugriff habe, meint der Kinoleiter.
Schaut man das aktuelle Kurzfilmprogramm ,,Shorts Attack“ über vimeo, erhält das Ost die Hälfte der Einnahmen.

Eine weitere Kooperation hat das Programmkino schon vor der Corona-Krise geplant. Das englische Arthouse-Portal ,,MUBI“ ist dem Ost inhaltlich sehr nah und sieht im Programm keine Serien, stattdessen aber jeweils für 30 Tage verfügbare Kinofilme vor. Es ist einer der wenigen Streamingdienste, die engen Kontakt zu den Kinos suchen und wirtschaftlich in ihr Geschäftsmodell einbinden. In England ist dieser Anbieter bereits etabliert, arbeitet auch mit größeren Kinoketten zusammen und hatte ursprünglich beabsichtigt, dieses Frühjahr mit dem Angebot ,,MUBI GO“ in Deutschland durchzustarten. Ein solches Abonnement enthält vier kostenlose Kinobesuche pro Monat. Wöchentlich wird ein Film vorgeschlagen, den man sich im Kino des Vertrauens ansehen kann. MUBI zahlt dem Kino dann die eingelösten Tickets.
Auch wenn dieses Modell nun erst ab Herbst starten soll, können wir schon jetzt von der Kooperation profitieren: Für das Publikum des Osts gibt es ein kostenloses 3-monatiges Probeabo.

2019 zur Premiere von ,,Ein Licht zwischen den Wolken“ (v.l.n.r. Sven Weser, der albanische Regisseur Robert Budina, ihr Dolmetscher)

Neben den finanziellen Schwierigkeiten hat der Kinoeigentümer aber auch mit der Ungewissheit zu kämpfen. ,,Man ist inhaltlich, programmtechnisch lahmgelegt.“, bedauert er. Mindestens zehn Sonderveranstaltungen und zahlreiche Filmpremieren mussten inzwischen schon vom Programm des Osts gestrichen worden. Wann Sven Weser jedoch wieder mit der Planung von Projekten beginnen kann, weiß er aktuell nicht.

Eine verhinderte Erstausstrahlung, die er besonders bedauert, ist die des deutschen Independentfilms ,,Die Rüden“. Der Film von Connie Walter zeigt die Arbeit einer Therapeutin mit vier Gewaltstraftätern und drei verhaltensgestörten Hunden und hinterfragt kritisch unsere Auffassung von Gut und Böse. ,,Das ist ein psychologisch und ästhetisch sehr abgefahrenes Kammerspiel. Deshalb hatte ich mich eigentlich auf die Reaktionen des Publikums gefreut.“, berichtet er.

,,So wie der Trailer ist, ist auch der Film.“, verspricht der Kinochef.


Problematisch sieht der Kinoleiter, dass viele kommerziell starke Filme weit nach hinten verschoben werden. So wollen die Verleiher sicher gehen, dass sie die Besucherzahlen erreichen, die sie unter Normalbedingungen erzielen würden. Solche Blockbuster stehen zwar eher selten auf dem Programm des Osts, der in den Herbst verlegte James Bond wäre ab April aber auch dort gelaufen.

Eine Sorge kann Sven Weser den Kinofans aber nehmen: Die Angst vor einer Filmflaute wegen aktuell pausierender Dreharbeiten.
Er erklärt, dass dazu das für den Kinomarkt typische Überangebot zu groß sei und rechnet vor: ,,Jede Woche kommen rund 15 Filme neu ins Kino. Wenn wir 10 Wochen geschlossen haben, sind das 150 Filme, die nicht ins Kino gekommen sind.“ Der Kinobetreiber geht davon aus, dass ein Großteil dieser Filme unmittelbar nach der Wiederaufnahme des Spielbetriebes nachgeholt wird. Schließlich vergehen zwischen der Produktion und dem Zeitpunkt, wo ein Film dem Kino zur Verfügung steht, sechs bis zwölf Monate. Darum sind die Filme, die in drei Monaten starten sollen, schon seit diesem Winter fertig. Die meisten Marketingkampagnen haben ebenfalls bereits angefangen: Die Plakate sind gedruckt, zahlreiche Trailer kann man im Netz anschauen.
Einige Premieren werden zwar wegfallen, der Kinobetreiber schätzt aber dennoch, dass nach Corona 25 bis 30 Filme pro Woche erscheinen werden.
,,Man muss keine Angst haben, dass es dann kein Programm gibt. Weder wenn wir wieder aufmachen, noch später.“ Dann dürfte dem Einlösen der ergatterten Gutscheine also nichts mehr im Wege stehen!

Mein persönliches Highlight im Programm des Ostkinos: Die französischen Filmtage, die normalerweise in Zusammenarbeit mit dem Institut français im Mai stattfinden.

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