Der schmale Grat zwischen dem Dreck unterm Fingernagel und Hygiene, Hygiene, Hygiene!

„Ob man Glück gehabt hat oder nicht, ist immer relativ.“ entgegnet Heiki Ikkola meiner Hypothese, dass er für seinen Start in der Leitung des Societaetstheaters dieses Frühjahr eher Pech gehabt hat.
Er könne sich glücklich schätzen, dass er zu seinem Vorgänger Andreas Nattermann ein vertrauensvolles Verhältnis hatte. Über ein halbes Jahr konnte Heiki Ikkola das Team kennenlernen, Kontakte knüpfen und erste Vorbereitungen treffen. Dadurch sei der Übergang für ihn sehr geschmeidig gelaufen.

Und dennoch: Schon bevor der gebürtige Schönebecker seine Stelle als Leiter eingenommen hatte, wurde die coronabedingte Haushaltssperre verkündet. Ausgaben, die nicht vorher geplant oder vertraglich gesichert waren, konnten nicht getätigt werden.
Gleichzeitig geht mit der aktuellen Lage für Heiki Ikkola eine enorme Verantwortung für die freien Künstler*innen einher, die regelmäßig am Societaetstheater wirken und stark von dessen Gagen abhängen. An dieser Stelle stehen sich die Solidarität und das Überleben des eigenen Hauses direkt gegenüber. Deshalb gebe es gerade durchaus den ein oder anderen Moment, in dem sich der Leiter nach den Zeiten als freischaffender Puppenspieler, Schauspieler und Regisseur zurücksehne, gesteht er.

Foto: Stephan Böhlig

Das ändere sich auch nicht mit den überraschend verkündeten Lockerungen für die Kulturbetriebe. Viel geringere Einnahmen und komplizierte Regelungen für den Publikumsbereich und die Bühne stellen die Leiter*innen der Dresdner Theaterhäuser nun alle vor das gleiche Rätsel. Nichtsdestotrotz meint Heiki Ikkola, dass die einzelnen Institutionen anfangs nur wenig kommuniziert haben und jede*r sehr mit der eigenen Organisation beschäftigt gewesen sei. Inzwischen treffe man sich jedoch wieder zur Intendant*innenrunde. Dabei merke man, dass sich die Interessen und die Problemlagen sehr unterschiedlich gestalten. Während die Philharmonie, das Staatsschauspiel, das TJG und die Staatsoperette über Kurzarbeit nachdenken, stehen andere vor einer Insolvenz.

Heiki Ikkola berichtet, dass sich die Theater je nach Interessenlage verbünden. So setze das Societaetstheater auf verstärkte Zusammenarbeit mit dem Eurpäischen Zentrum der Künste in Hellerau. Beim nächsten Treffen wolle man die Interessenüberschneidungen herausarbeiten und überlegen, wie man sich gegenseitig helfen kann.

Privattheater, freie Träger und Teilprivattheater schließen sich außerdem zusammen, um weitere Lockerungen der Bestimmungen zu erreichen. Bisher konnten diese Akteure auf Corona-Zuschüsse für kleine Betriebe zurückgreifen. Mit den Lockerungen schreibt keine Regelung mehr eine Schließung vor. Dadurch sind diese Häuser nun mit dem Problem allein, nicht wirtschaftlich arbeiten zu können und müssen trotzdem geschlossen bleiben. Der Leiter des Societaetstheaters schildert, dass die Dresdner Kämmerei aktuell nur Ausgaben für künstlerische Zwecke tätige, die durch die Einnahmen wieder generiert werden können. In Anbetracht der räumlichen Kapazitäten der meisten Privattheater wirke diese Vorgabe geradezu absurd. Heiki Ikkola illustriert das am Beispiel seines Hauses: „Die kleine Bühne kann man dann wahrscheinlich gar nicht bespielen oder es muss einem etwas total wahnsinniges merkwürdiges Interessantes einfallen.“

Insgesamt sei er sich jedoch noch unsicher, welche Auswirkungen die Situation auf die Theaterszene und deren Kommunikation haben wird. „Ich hoffe, dass es nicht zur Folge hat, dass man sich um die Fleischtöpfe prügelt, sondern dass es zu Solidarität und Verständnis führt. Das wäre mir lieber.“

Abgesehen von den freien Künstler*innenn und Gruppen, die stark auf Einnahmen angewiesen sind, sei der Stand zwar aktuell gar nicht so schlecht, über die nächste Spielzeit kann Heiki Ikkola allerdings kaum etwas sagen. Zu vage seien die finanziellen und die organisatorischen Rahmenbedingungen, z.B. ob die Künstler*innen Reisen antreten können. Gerade das Societaetstheater zeichnet sich aber durch seine Internationalität und den Blick über den Tellerrand aus.
So steht/ stand für den November etwa ein Iran-Festival auf dem Programm, das vermutlich den Coronaregeln zum Opfer fallen wird. Dabei sind solche Veranstaltungen gerade in Dresden unentbehrlich. „Allein, dass Leute mit anderen Hautfarben auf der Bühne und im Publikum sind, ist immer wieder wichtig.“, merkt der Leiter berechtigterweise an.
Heiki Ikkola sieht aber auch die andere Seite: „Wir als Künstler, Jet-Setter, nehmen natürlich auch an diesem neo-liberalen System teil, wo alle immer unterwegs und überall up-to-date sind.“ In der Unterstützung lokaler Künsler*innen erkennt er durchaus Potenzial.

Bald muss Heiki Ikkola eine Liste mit allen detaillierten Ausgaben bis zum Jahresende vorlegen. Die Dresdner Finanzverwaltung wird dann entscheiden, was davon wirklich wichtig ist, welche Zuschüsse bewilligt werden und ob das Theater überhaupt ab September öffnen kann. „Momentan gibt es für die Stadt das Gebot, keine Schulden zu machen. Solange diese Regel besteht, gibt es gar keine andere Chance, als zu sparen, wo die Hardware am weichesten ist.“, so der Theaterleiter.

In Heiki Ikkola lösen all diese Umstände aber andererseits auch Ehrgeiz und eine Art von sportlicher Herausforderung aus. Ebenso profitiere er davon, sich dem Stoff von Stücken auf viel nachhaltigere Weise widmen zu können und sich dem auch in der freien Szene präsenten „Höher, schneller weiter!“ einmal zu entziehen. Daraus entsprungen ist zum Beispiel das baldige Alternativprogramm, wofür das Societaetstheater auf kleine, individuelle Formate setzt.

Die Situation habe sich besonders für Familien schwierig gestaltet. Deshalb startet Heiki Ikkola zu Pfingsten mit seiner Compagnie Freaks und Fremde auf der Sommerbühne des Societaetstheaters mit „Der Wolf und die sieben Geißlein“ und „Der gestiefelte Kater“.

Ende Juni soll es dann Konzerte und literarische Bühnenprogramme geben. Besonders freue sich Heiki Ikkola auf den Abend „Rossini ist geflüchtet, ich bleibe.“ mit und von Violinist Florian Mayer. Im Frühjahr fielen die Vorstellungen seines Programms, dass er seinem großen Vorbild Paganini gewidmet hat, reihenweise aus. Florian Mayer begann, Heinrich Heines Tagebuch zu lesen, dass er 1832 verfasste, als die Cholera grassierte.
Für den Abend im Societaetsthater hat er sein eigenes Tagebuch mit Heines Erfahrungen verschnitten. Gleichzeitig wird man der von Paganini gespielten Musik von Rossini lauschen können.
Die Sommerbühne bietet Platz für 70 Zuschauer*innen. Der Geschäftsführer verrät: „Da waren wir beim Nachmessen ziemlich überrascht. Wir hatten befürchtet, dass wir nicht über die Vierzig hinweg kommen.“

Ein weiteres Projekt ist ein lebendiges Theatermuseum. „Das ist natürlich ziemlich aus der Hüfte geschossen, weil wir nur einen Monat Zeit hatten, das vorzubereiten. Aber wir versuchen trotzdem eine Art von liebevollem Parcours zu bauen.“, verspricht der Theaterleiter.
Dafür wird ein*e Gästeführer*in die Besucher*innen in sieben Akten durch das Haus führen. Stationen sind dabei die Studiobühne, das Foyer, die Kasse, die Gästewohnung und die Garderobe. In jedem dieser Räume werden sich einzelne Künstler*innen in kleinen Episoden der Frage nähern, was Theater in seinem Ungreifbarsein und seiner Vergänglichkeit ist. Oder besser: Was es vor Corona war. „Damals als sich A auf die Bühne stellte und beleuchtet wurde und B im Publikum saß und anderen zuschaute, um etwas über sich selbst zu erfahren. – Ist ja irgendwie total schräg diese Konstruktion.“, sinniert Heiki Ikkola.
Andererseits stellt sich die Frage, wie Theatervorstellungen in der Zukunft aussehen werden. Welchen Einfluss hat die Abstandswahrung im Theater, Hygieneflaschen und Mundschutz auf unsere Rezeption von Kunst?
Bis zum 6. Juni wird das Team des Theaters das Haus nun für „Le Parcous“ aufwendig ausgestalten, um es für elf Tage zu öffnen.

Dafür versuchen die Mitarbeiter*innen, die Bestimmungen möglichst an den Charakter des Theaters anzugleichen: „Dass es trotzdem diese Art von Begegnung gibt und man nicht die ganze Zeit spürt: Hygiene, Hygiene, Hygiene! Beim Theater ist ja auch gerade das Dreckige unterm Fingernagel das Interessante.“

Zur Seite des Societaetstheaters geht es hier.

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