Jazzig rieselt der Schnee

Welches Chormitglied kennt es nicht: Sonnenschein, 30°C im Schatten, kein Lüftchen weht und dennoch singen alle voller Inbrunst : „Leise rieselt der Schnee“. Für mitteleuropäische Verhältnisse mag das zunächst etwas gewöhnungsbedürftig erscheinen. Möchte man aber ein gelungenes Weihnachtskonzert hinlegen, kann ein Weihnachtsprobenbeginn im August nicht schaden.

Das Konzert des Jazzchors Dresden in der Pieschener St.-Josef-Kirche stand am Freitag zwar unter dem Motto „(K)ein Weihnachtskonzert“, aber Anja (Alt II) und Andreas (Bass I) erklären: „Wir singen insgesamt 14 Lieder, davon sind 7 Weihnachtslieder, die anderen nicht.“ Zudem habe Andreas gezählt, dass im Konzert 18 mal das Wort „Christmas“ und dreimal „Weihnacht“ vorkomme. Als Mathematiker halte er das für eine gute Quote. Auf charmante und natürliche Art haben die beiden die Zuschauenden durch das Programm des Abends geführt. Besonders Anja hatte auf zwei direkt aufeinander folgende Störungen durch klingelnde Handys die schlagfertige Reaktion: „Wenn’s wenigstens ein Weihnachtslied wäre!“, parat.

Mit der Live – Darbietung der Weihnachtslieder des Chors hätte ein blechernes Handygedudel aber sowieso nicht mithalten können.

Der Jazzchor hat für einen sehr abwechslungsreichen und kurzweiligen Abend gesorgt. Das Programm war rund gestaltet, selbst das Lied „Springtime“ hat sich wie von selbst in die Adventsstimmung des mit Teelichtern dekorierten Kirchenraums eingefügt. Es waren auch die Soli und sehr einfallsreiche Body-Percussion-Einlagen, durch die sich der Chor von den sonst eher traditionellen Darbietungen von Weihnachtsliedern anderer Chöre abgehoben hat.

Auch bei den fast schon zu oft gecoverten Songs wie „Hallelujah“ und „Imagine“ konnte der Chor für eine neue Klangerfahrung sorgen. Das war zum einen den Arrangements zu verdanken, zum anderen aber auch der sehr ausgefeilten Dynamik. Nach der ersten durch die Bässe zart gesungenen Strophe haben die Beteiligten John Lennons Friedenshymne zu einer vereinnahmenden Gesamtakustik anwachsen lassen, um dann wieder zu leiseren Tönen zurückzukehren.

Alles angefangen hat für den Chor 2012, als er sich durch den aCapella Netzwerk e.v. gegründet hat. Seitdem sind stetig Mitglieder hinzugekommen, wodurch er inzwischen aus rund 45 Singenden besteht. Die Gemeinschaft ist aber nicht nur persönlich, sondern auch musikalisch gewachsen. So wurde der Jazzchor von der Sparkasse im April zum Verein des Jahres 2019 erkoren. 2018 erhielt er beim Förderpreis der Dresdner Laienchöre den ersten Preis in der Kategorie „Interpretation eines fremdsprachigen Werkes“ für ihre Darbietung von „I’ll call thee Hamlet“ von Woods of Birnam.

Ein Probenmitschnitt, das Arrangement stammt von Christoph Peukert.

Letztes Jahr hat der Chor seine erste CD mit dem Titel „Debüt“ aufgenommen. Stöbert man durch den persönlichen Blog des Chors, erfährt man aus Interviews mit den Mitgliedern, dass es sich dabei um eins der Highlights ihrer bisherigen gemeinsamen Laufbahn handelt.
Zudem können sie auf diverse Auftritte bei Formaten wie „Total Choral“, „Neo Magazin Royale“, „Jazztage Dresden“, dem Dresdner Stadtfest und den Chornächten des Palais Sommers zurückblicken (hier geht’s zu meinem Artikel vom Palais. Sommer 2019).

Von Letzterem ist Michael Blessing neben seiner Chorleitertätigkeit beim Jazzchor der Fundraisingleiter. Studiert hat er Gesangspädagogik in Dresden und Kulturmanagement bei der Deutschen Akademie für Management. Dabei hat er sich bereits in der Jazz- und Pop-Chorleitung weitergebildet. Entsprechend modern ist auch seine Herangehensweise bei der Einstudierung der Stücke, bei der er zum Beispiel das Konzept des intelligent choirs aufgreift. Diese vom dänischen Professor Hjernøde geprägte Methode zielt auf die Verteilung der Verantwortung auf alle Chormitglieder ab. Dadurch werden deren Kompetenzen nicht nur in Bezug auf Melodieverläufe und Rhythmen geschult, sondern auch auf die oben gelobten Fähigkeiten im Interpretationsspielraum.

Nicht nur im Jazz selbst wird improvisiert, auch beim geneigten Bühnenboden der Pieschener Kirche war Einfallsreichtum gefragt. Um die Mikrofone zu stabilisieren, hat Michael Blessing kurzerhand die Legosammlung zu Hause geplündert.

Nun freuen sich die Chormitglieder auf den frischen Wind, den das nächste Konzert bringen wird. Bis dahin proben sie vielleicht bei Schneefall und Minusgraden die Frühlingslieder, die sie nächstes Jahr am 4. April im Theater Meißen zum Besten geben werden.

Wer zum Adventssonntag noch nichts vor haben sollte und zu den ganz Spontanen zählt, hat heute zum letzten Mal in diesem Jahr die Chance, den Chor live zu erleben: 16:00 Uhr geht das Konzert im Weber-Bau der TU Dresden los. Wie beim Konzert in Pieschen ist auch dort der Eintritt frei, Spenden sind erbeten.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s