Bienvenue in der Gedankenwelt unserer Sitznachbar*innen!

Was ist das eigentlich für eine Person, die da gerade neben mir sitzt? Was machen die Darsteller*innen gerade hinter der Bühne? Warum muss dauernd jemand husten? Warum applaudiert die Frau da vorne denn nicht? Was hat das Pärchen dort drüben die ganze Zeit zu bereden? Wieso sind meine linken Sitznachbar*innen nach der Pause nicht mehr aufgetaucht?

Fragen, die man sich als Theaterbesucher*in öfter stellt und auf die die Revue „Hier & Jetzt & Himmelblau“ unter der Regie von Jan Neumann endlich eine Antwort zu geben versucht. Eine Grundidee, in der allein schon unglaublich viel Potenzial steckt. Die Revue führt uns in das Innenleben verschiedenster Zuschauer*innen und Theaterleute, die ihrerseits auf den Beginn einer Vorstellung im fiktiven Theater „Le grand plaisir“ warten.

Die Revue punktet durch einen flotten Einstieg mit einer großen Ensembleszene. Anschließend beginnt Bryan Rothfuss als charmanter Platzanweiser, die Zuschauer*innen auf der Bühne vorzustellen. Egal ob alt oder jung, ob reich oder arm, ob single oder unglücklich verheiratet, mit oder ohne Spinnenphobie, ob auf eigenen Wunsch oder unfreiwillig – alle haben sie sich für diesen Abend im Revuetheater versammelt.

Eine Showbühne für eine glückliche Mutter: Gesang trifft auf Ballett und Luftakrobatik. (alle Fotos: Pawel Sosnowski)

Die Sorgen und Belange dieses Publikums, also auch uns, werden in „Hier & Jetzt & Himmelblau“ auf wunderbare Weise in den Fokus gerückt. Zeitweise bekommt man das Innenleben der Personen geradezu auf dem Silbertablett bzw. der Showbühne serviert. Daraus ergibt sich beispielsweise ein unglaublich starker Moment, als uns der Platzanweiser in die Gedankengänge einer Mutter einlädt. Verzweifelt versucht sie, eine Antwort auf die Frage ihres Sohnes „Was ist Glück?“ zu finden. Es ist nicht die einzige Szene, die Steffi Lehmann, ein Neuzugang im Ensemble der Staatsoperette, an diesem Abend mit Bravour meistert.

Jan Neumann versteht es, die Kleinigkeiten und scheinbaren Banalitäten unseres Alltags voll auszuschöpfen und macht auch vor der Klokabine nicht Halt. Durch überwiegend sehr geschickt gesetzte Überleitungen bleibt es nicht bei einer bloßen Nummernrevue. Ensembleszenen und intime Momente wechseln sich ebenso ab, wie Komik und Ernst. Die Revue schafft es, Hitler auf Eheprobleme, Sexappeal auf Einsamkeit, verkleckertes Frühstücksei auf Tod und einen ausgerissenen Dirigentenarm auf die Liebe zum Theater treffen zu lassen. Es ergeben sich auch einige emotionale, zum Teil verstörende Momente. Bestens wird vom Chor (Einstudierung: Thomas Runge) unsere vom Smartphone dominierte Welt dargestellt, das Ballett berührt mit Radek Stopkas Choreografie zu Sven Helbigs „Gone“.

Gesellschaftskritik kommt in dem Stück nicht zu kurz. Dadurch wird der Revue der nötige Tiefgang verliehen. So mancher Rezensent mag das als Zeigefingermethode verstanden haben. Dabei ist es in unserer heutigen Situation doch nur verständlich, dass beispielsweise eine desillusionierte Busfahrerin nicht mehr an sich halten kann und schreiend verkünden mus: „Nicht plärren, sondern miteinander reden!“ Hinzu kommt, dass diese Szene von Silke Richter sehr gekonnt ausgekostet wird.

Das gesamte Ensemble agiert äußerst lobenswert, dennoch ist an allererster Stelle Bryan Rothfuss zu nennen. Ihm gelingt der Spagat zwischen dem sonst eher unauffällig beobachtenden Platzanweiser und einem Showmaster sängerisch, schauspielerisch wie auch tänzerisch und (beg)leitet das Publikum elegant durch den Abend.

Die Revue bietet aber nicht nur Einblicke hinter die Fassade des Publikums, sondern auch der im Hintergrund wirkenden Mitarbeiter eines Theaters. Unterstützt wird dies durch Cary Gaylers abwechslungsreich buntes Bühnenbild, das zwischendurch eine so nie gesehene Perspektive auf den sonst hinter Vorhängen verborgenen Bühnenumbau eröffnet. Später bekommt auch der Chefmaskenbildner der Staatsoperette, Thorsten Fietze, mal wieder einen Auftritt.

Musikalisch alternieren unter der Leitung von Andreas Schüller Filmmusik, Operette, Oper und Evergreens des 20. Jahrhunderts wie „Ich will keine Schokolade“ und schließlich Pop in für die Staatsoperette sehr passend gestalteten Arrangements. Es ist durchaus zu erkennen, dass Kathrin Kondaurow, die u.a. Französische Literaturwissenschaft in Berlin studiert hat, an der Dramaturgie beteiligt war. So hat sie beispielsweise mehrere unbekanntere französische Stücke integriert, die die Vorstellung noch interessanter gemacht haben.

Am Ende entsteht ein zuweilen sehr ergreifender, wie auch urkomischer Abend, der die Achterbahnfahrt unseres Lebens zu zelebrieren versteht.

Letztlich kann man sich fragen: Was wäre wohl für eine Revue aus den mich gerade eben umgebenden Menschen im Zuschauerraum, meinen Sitznachbar*innen entstanden? Wäre es eine ähnliche Show oder eine komplett andere?

Karten für die Revue gibt es unter: https://www.staatsoperette.de/spielplan/a-z/hier-jetzt-himmelblau/

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