Wenn der Kamera das Motiv nicht gefällt

Kennt ihr das? Gerade möchte man ein schönes Foto schießen, da ist der Kamera-Akku plötzlich leer. Und in anderen Momenten entsteht ein mehr oder (meist) weniger gelungenes Bild, weil man aus Versehen auf den Auslöser gekommen ist. Oder hat sich der Fotoapparat gerade einfach verselbstständigt? Führt er vielleicht eine Art Eigenleben? Klaut er vielleicht sogar einen Teil unserer Seele, wenn er ein Bild von uns macht?
Nachdem man am Parcours „Spookai“ der Performance-Gruppe Post Theater unter der Leitung von Hiroko Tanahashi und Max Schumacher am Societaetstheater teilgenommen hat, häufen sich die Fragen um die lebendigen Züge unserer Alltagsgegenstände geradezu.
Der Titel des theatralen Rundgangs setzt sich aus den Begriffen „spooky“ und „Yokai“ zusammen. Bei letzteren handelt es sich um Dämonengestalten der japanischen Folklore, die in allen möglichen Lebewesen und Gegenständen leben können. Während einer Teezeremonie beginnen sich diese Gestalten plötzlich bemerkbar zu machen. Sie geben eine Einführung in ihre Entstehungsgeschichte und stellen die besonderen Fähigkeiten einzelner Yokai vor. Gleichzeitig üben sie Kritik an unserer von Rationalisierung und Digitalisierung dominierten Welt, wodurch sie immer stärker in Vergessenheit geraten.
Durch die Räumlichkeiten wird man von den Yokai höchstpersönlich zu den einzelnen Stationen geleitet.
Ganz besonders in Erinnerung bleibt dabei eine Unterhaltung verschiedener Gegenstände, der gelauscht werden kann. Analoge und digitale Objekte konkurrieren einerseits um die größte Aufmerksamkeit von den Menschen, erzählen andererseits aber auch von ihren täglichen Strapazen. Wie muss es sich wohl anfühlen, wenn man als Wecker seinen Job ganz vorzüglich erfüllt und dafür einen Schlag auf den Kopf kassiert? Da wäre man lieber ein Globus.
Hier sei erwähnt, dass derzeit außerhalb des Societaetstheaters Briefkästen angebracht sind, die ebenfalls von ihrem Schicksal erzählen. Ein Besuch in Kombination mit einem Spaziergang über die Hauptstraße lohnt sich also!
Ganz im Einklang mit der Spiritualität und Ganzheitlichkeit des Themas der Performance werden die verschiedensten Sinne der Teilnehmenden angesprochen. Mal schnuppert man den Duft von grünem Tee, mal wird die Arbeit von Staubsauger-Robotern so richtig sichtbar gemacht, mal tastet man sich durch hintere Winkel des Theaters und wird Stürmen ausgesetzt. Dadurch kann man sich dem Thema aus unterschiedlichsten Perspektiven annähern. Die Zuschauenden stehen im Zentrum. Dies schreibt sich die vor 20 Jahren in New York gegründete Company auf die Fahne und setzt es auch im Parcours im Societaetstheater um. Durch die Regelung, dass pro einstündiger Vorstellung nur ein Haushalt à maximal vier Personen zuschauen kann, fühlt man sich zudem individuell umso stärker adressiert.
Während der Performance wird man bestens unterhalten und kann sich gleichzeitig Fragen nach der Ambivalenz der Technisierung und der Globalisierung stellen.
Und so wird der Theaterparcours ein Moment der Begegnung. Mit sich selbst, mit dem eigenen Hausstand, den Yokai und nicht zuletzt mit körperlich tatsächlich anwesenden Kulturschaffenden. Nicht umsonst heißt es auf der Webseite des Kollektivs: „POST THEATER intends to promote a utopian spirit, not just in the arts but in society at large.“

Das Beitragsfoto ist übrigens direkt nach meiner besuchten Spookai-Vorstellung ohne mein Zutun entstanden, während ich auf meiner Kamera gerade noch nach der richtigen Belichtungseinstellung gesucht habe…

Für die Performance gibt es Zusatztermine vom 22.-25. April. Mehr Informationen und eventuell Restkarten findet ihr hier

Falls ihr kein Glück mehr beim Kartenkauf haben solltet, gibt es Trost: Im Juni 2021 kommt Post Theater mit „Spookai“ an das Leipziger Lofft.
Zudem hat die Company eine Residenz am Societaetstheater inne, wodurch es auch in Dresden mehr Produktionen von ihr zu sehen geben wird.

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