Reise in die Vergangenheit: Wie es auch ohne Zeitmaschine klappt

Mal eben in der Geschichte zurückbeamen? Unmöglich! Zumindest noch. Dabei gibt es eine ganz simple Lösung, die auch für physikalische Laien zugänglich ist: Kopfhörer auf, Beamer an.
Die Dresdner Festung wirbt für ihr immersives Erlebnis mit „So nah wie nie“, wirft 360°-Projektionen an altes Gemäuer und lässt die Besucher*innen mit akustischer Untermalung in 450 Jahre Stadtgeschichte eintauchen. Die vom Wahrnehumgspsychologen und Architekt Axel Buether konzipierte Ausstellung unter dem Titel „Feste. Dramen. Katastrophen.“ wurde letztes Jahr nach den dreijährigen Umbauarbeiten im Museum eröffnet.

Für das nötige Fünkchen Science-Fiction sorgt der Fahrstuhl, mit dem man von der Brühl’schen Terrasse in die Welt des alten Dresdens befördert wird. Bevor man dort aber wirklich angelangt, gilt es noch eine Zwischenetappe zu passieren. In dieser Sphäre erhält man die Ausrüstung für die Geschichtsexpedition: ein Smartphone ähnliches Abspielgerät und futuristisch anmutende Kopfhörer mit grün leuchtendem Sensor. Dadurch wird jede Station automatisch mit dem zugehörigen Audio-Part untermalt.
Etwas inkonsequent ist aber, dass am Anfang ein Signal zum Weitergehen definiert wird, dieses Geräusch nach fünf Stationen aber nicht mehr ertönt. Deshalb steht man teilweise etwas unschlüssig wartend an einer Stelle und fragt sich beispielsweise im kleinen Kanonenhof, ob außer Schussgeräuschen und Kampfgebrüll noch weitere Erklärungen zu erwarten sind.

Die Erzählerrolle nimmt Kurfürst Moritz (1521-1553) oder vielmehr sein virtueller Geist ein. Der Herzog berichtet, dass er bei der Sievershausener Schlacht verwundet und zwei Tage später verstorben sei. Dennoch ranken sich um seinen Tod verschiedene Mythen, die eine andere Todesursache vermuten lassen. Die Installation präsentiert den aktuellen Forschungsstand zu Moritz‘ Schicksal verbunden mit Fakten aus 450 Jahren Festungsgeschichte. Schließlich war er es, der 1545 die Modernisierung der Dresdner Festungsmauern nach norditalienischem Vorbild veranlasst hat.

Die ersten Stationen gestalten sich inhaltlich noch recht flach. Im weiteren Rundgang bekommt man jedoch überzeugend eingesprochene historische Häppchen serviert, die musikalisch gefällig unterlegt sind.
Die Xperience bemüht sich, nicht nur die Geschichten der großen Akteur*innen zu erzählen, sondern auch alltagsgeschichtliche Einblicke zuzulassen. Das Exponat Festung wird demnach auch im übertragenen Sinne aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet.
Die Besucher*innen können Streitereien beim Kugelgießen mitverfolgen, Spielern während einer hitzigen Würfel-Partie auf die Finger schauen oder ganz ungeniert den Tratsch der Hofdamen belauschen. Nichtsdestotrotz kommen insgesamt Erlebnisse von Frauen bei dem Rundgang etwas kurz.

Punkten kann die Installation dafür mit der Demonstration der baulichen Entwicklung der Festungsanlage. Die Veränderungen werden nicht nur anhand eines Bauplans dargestellt, sondern bleiben durch die Raffinessen der Projektionen nachhaltig in Erinnerung. So wird die ehemals offene Decke im großen Kanonenhof durch die Gestaltung als Himmel inklusive Regenschauer und anschließendem Hochwasser veranschaulicht.

Für den Sensor meiner Kopfhörer scheint das zu viel gewesen zu sein. Auch nach Verlassen der Station spielen sie mir den gleichen Audiopart in Endlosschleife ab und überschwemmen mich akustisch immer wieder mit Elbwasser.
Nach kurzem irritierten Hin- und Hergehen laufe ich zurück durch die Tunnelgewölbe zur Zwischenwelt an der Kasse und schildere mein Problem. Der kompetente Mitarbeiter findet schnell eine Lösung, sodass ich dann doch noch die finale Etappe bis zum virtuellen Stadttor bestreiten kann.
Im Nachhinein vermute ich, dass der Zwischenfall Zeugnis eines der Hauptprobleme von Zeitreisenden ist: Aus der Differenz zwischen Dolby-Surround Kopfhörern und der fehlenden Elektrizität zu Kurfürst Moritz‘ Zeiten ergibt sich ein vorgreifender Anachronismus. Kein Wunder also, dass die Technik da hin und wieder verrückt spielt!

Wo heute Mauer ist, konnte man früher mal die Elbe sehen.

Alles in Allem ist die Ausstellung eine gelungene Art, die Festungsanlage lebendig zu halten und das Wissen darüber verständlich zu vermitteln.
Wenn jemand bisher noch nichts mit dem Begriff Infotainment anfangen konnte, dann wird sich das nach dem Besuch der Festung geändert haben. Die Xperience kann als Paradebeispiel dieser an Relevanz gewinnenden Vermittlungsform gesehen werden.
Die diesjährige Auszeichnung des Art Directors Club in der Kategorie „Exhibition Experience themenbezogen-Ausstellung“ ist allenfalls verdient und ein Besuch der Ausstellung lohnenswert.

Mehr Informationen gibt es hier.

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