Bluttaten in Rathen

Im Musical „Zorro“ mit den Hits der Gipsy Kings und den Texten von Stephen Clarc geht es nicht zimperlich zu, einige Figuren lassen beim erbitterten Kampf um Liebe und Macht ihr Leben. Und dass, obwohl der Titelheld im Kampf gegen seinen machtgierigen Bruder Ramon immer wieder wagemutig das Schlimmste abzuwenden versucht.

Hinter dem maskierten Gerechtigkeitskämpfer verbirgt sich der aus Kalifornien stammende Diego de la Vega. Statt für die Akademie zu büffeln, feiert er ausgelassen das spanische Leben. Dem Stück ermöglicht das einen direkten, mitreißenden Einstieg mit buntem Bühnenbild, Flamencoeinlagen der Tanzcompagnie der Landesbühnen Sachsen und den dazu passenden südländischen Klängen der Liveband unter der Leitung von Jan Michael Horstmann.

Zu diesem Zeitpunkt scheint alles noch unbeschwert (Foto: Hagen König)

Die Stimmung wird jedoch rasch getrübt, als Diego mitgeteilt wird, dass sein Vater verstorben sei und Ramon unterdessen die Macht im Heimatort brutal an sich genommen habe. Sofort reist er nach Amerika, wo ihm sich der Wahnsinn seines Bruders offenbart.

In der Not beschließt er, Ramon incognito zu bezwingen. Fortan führt er ein Doppelleben: Das des naiven und schwulen Diegos, der seinem Bruder treu ergeben zu sein scheint und das des furchtlosen Zorros. Gero Wendorff, der ab nächster Spielzeit zum festen Ensemble der Staatsoperette Dresden gehören wird, gelingt dieser Kontrast schauspielerisch ohne Probleme. Nicht nur wegen der verkörperten Heldenrolle hat er die Sympathien der Zuschauer an diesem Abend auf seiner Seite.

Nur Inez, eine spanische Bekanntschaft Diegos, weiß, wer sich wirklich hinter der Maske verbirgt. Gespielt von Christin Rettig, ist sie dadurch eine der Schlüsselfiguren des Abends. Zusätzlich schafft es die Darstellerin, das Publikum mit ihrem rauchig dargebotenen „Bamboléo“ in ihren Bann zu ziehen.

Auf den ersten Blick scheint es offensichtlich: Ramon ist der erbarmungslose Antagonist, der seine eigenen Bürger erhängen lässt und verdächtigt wird, den Vater umgebracht zu haben. Jannik Harneit, den man sonst eher als abenteuerlustigen Fritz Steppke in Frau Luna oder als friedfertigen Felix im Musical Zzaun kennt, gibt den skrupellosen, eiskalten Tyrann. Völlig berechtigt kämpft Diego alias Zorro stetig gegen dessen Gräueltaten an. Trotzdem schafft es Jannik Harneit, auch die Hilflosigkeit und Einsamkeit des vernachlässigten Sohnes durchblicken zu lassen und fragt singend: „Wie kann aus Liebe Hass werden?“ Sein Unglück versucht er vergeblich durch Brutalität und Macht zu kompensieren. Bei dem Familiendrama geht es zudem um weit mehr, als nur um die Frage der Rangordnung im Pueblo. Sowohl Ramon als auch Diego wollen Luisa für sich gewinnen, die ihrerseits unsterblich in Zorro verliebt ist.

(Foto: Hagen König)

Zwar mögen manche Szenen etwas plump erscheinen, das ist aber weniger Manuel Schöbels Inszenierung als der relativ flachen Handlung des Stückes geschuldet. Immerhin erlaubt sich die Produktion der Landesbühnen eine dezente Andeutung zur aktuellen Gleichberechtigungsdebatte: Luisa, die endlich sehen will, wer sich hinter der Maske des Zorro verbirgt, merkt kritisch an: „Wenn du für Gerechtigkeit kämpfst, warum sind wir dann nicht gleichberechtigt?“

Dabei ist viel Tiefgang aber sicherlich gar nicht der Anspruch des Stückes. Gerade in Rathen bekommt man dafür vor allem zahlreiche Reiteinlagen und Kampfszenen geboten, wodurch die Darsteller*innen ihre meist im Schauspielstudium erworbenen Künste im Bühnenkampf mal so richtig zur Schau stellen können. Zudem wird Zorro mehrfach durch die Stuntcrew gedoubelt, um verschiedene Actionszenen zu ermöglichen. Auch zwei Ziegen dürfen einmal über die Naturbühne spazieren, denen die Aufmerksamkeit der Zuschauer sicher ist. Gleichermaßen sind einige humorvolle Momente dabei, wodurch die Vorstellung sehr familientauglich wird. Außerdem passt das Musical ganz wunderbar in die natürliche Kulisse der Sandsteine im Wehlgrund, die mit dem Anbruch der Dunkelheit zusätzlich angestrahlt werden.

Alles in allem also eine sehr gelungene letzte Vorstellung des Musicals in Rathen – die Bluttaten haben ein Ende.

Entsprechend verdient ist auch das Feierabendbier des ein oder anderen Mitwirkenden, den aufmerksame Theaterbesucher beim Rückweg durch den Amselgrund zur Fähre entdecken können.

Für die nächsten drei Jahre sind große Umbauarbeiten an der Freilichtbühne vorgesehen. Wer also noch eine Vorstellung erleben möchte, hat dazu nur noch diese Woche die Chance. Auf dem Programm stehen „Winnetou I“ und „Die Goldene Gans oder Was wirklich kleben bleibt“.

Mehr Informationen findet ihr hier: http://www.landesbuehnen-sachsen.de/felsenbuehne-rathen/spielplan/

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